Mehr als 200 Texte sind beim Mitmachprojekt „Zella-Mehlis schreibt“ im Rahmen unseres Stadtjubiläums eingereicht worden. Sie bilden eine lebendige Chronik unserer Stadt im Jubiläumsjahr, geschrieben von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen. Um möglichst viele Bürger an den Gedanken und Geschichten teilhaben zu lassen, veröffentlichen wir in loser Folge einen Teil der Texte online.

Es ist klares Winterwetter. Heute geht der Mond schon am Nachmittag auf. Groß und golden schiebt er sich gegen 17 Uhr hinter dem Berg am Osthimmel herauf, so riesig, erstaunlich.

Wir sind auf dem Weg zur Berghütte „Schneidersgrund“, am Hang des Spitzigen Berges, ein beliebtes Ausflugsziel. Unser Weg führt durch einen hohen schmalen Tunnel, der die Bahnstrecke Meiningen-Erfurt
unterquert. Vor uns liegt nun der Damm der A71, die vor etlichen Jahren hier gebaut wurde.

Die Autobahn verlässt auf der einen Seite den 7,9 Kilometer langen Rennsteigtunnel, verläuft nun zirka 800 Meter unter freiem Himmel, um dann im Hochwaldtunnel wieder zu verschwinden. Dieses Stück reicht gerade für den Anschluss Oberhof / Zella- Mehlis. Früher wäre unser Wanderweg geradeaus durch den Wiesengrund zur Hütte verlaufen. Jetzt müssen wir einen Bogen in Kauf nehmen, um die Autobahn über den westlichen Tunnel zu überqueren und den Weg zu unserem Ziel nach Osten hin wieder aufzunehmen. Wir steigen etwa 40 Minuten langsam bergan.

Das jetzt durchsichtige Birkengehölz, das im letzten Jahr, noch Anfang November, einen goldenen Saum um die dunklen Fichten zog, haben wir schon hinter uns gelassen. Wir gehen auf einem breit geräumten Weg auf den Hochwald zu. Rechts am Himmel steht der nun silberne Mond, noch tief und groß. Er steigt langsam mit uns zusammen. Und als wir im Wald angekommen sind, blitzt er zwischen den dunklen Baumstämmen hervor und kann uns sogar blenden, so hell ist er! Unglaublich! Nach Westen gewandt, bewundern wir die untergehende Sonne, die den Himmel in ein goldenes Rot taucht Die Lichter der Siedlung blinken uns entgegen, Glockentöne werden heran getragen, es ist 18 Uhr. Noch zwei, drei kurze Steigungen und die Lampen der Hütte beleuchten das letzte Wegstück. Wir freuen uns auf eine warme Gaststube und ein deftiges Abendbrot. Die Tür öffnet sich, einige Gäste gehen und uns umfängt die warme Raumluft. Die Brillen beschlagen, und fast blind entledigen wir uns der Anoraks. Nun sitzen wir um einen blanken Tisch herum, Tante Großeltern, Kinder und zwei Enkelkinder, und genießen die gemütliche Atmosphäre. Der Hüttenwart erfüllt unsere Wünsche. Zwei Stunden sind schnell vergangen, auf uns wartet nun der Heimweg.

Zurück wird es schneller gehen, denn es soll eine Schlittenfahrt werden. Dazu haben die jungen Leute die Schlitten hinter sich hergezogen beim Aufstieg. Der Mond steht auf der Höhe seiner Bahn über dem Wald und ergießt sein silbernes Licht auf die Schneelandschaft. Es ist so ungewöhnlich hell, dass die Bäume Schatten werfen und magisch muten die hellen Schneeflecken dazwischen an. Unser Weg ist gut beleuchtet. Beim Bewegen der Schuhe im eisigen Schnee entstehen die typischen knarrenden Geräusche.

Die Schlitten werden besetzt und gestartet. Unserer ruckelt erst langsam und gewinnt dann aber schnell an Fahrt. Es ist kalt und unbequem, mit hochgezogenen Beinen zu sitzen. „Was für eine Schnapsidee“, denke ich. „Aus dem Alter bist du doch raus.“ Aber es war mein Wunsch: eine Mondscheinfahrt. Als unser Schlitten ins Stocken kommt, steige ich ab und gehe mit den Großeltern zu Fuß weiter. Das Auto steht am Tunnel und mit ihm fahren wir das letzte Stück bequem nach Hause. Der Mond ist weiterhin unser Begleiter.

Gerlinde Hess